Konsole PC Engine Shoot'em Up Spieletests

Lords of Thunder

(Hudson Soft / Red, 1993)

Shooter (egal ob horizontal oder vertikal scrollend) sind ein ziemlich ausgelutschtes Genre. In der Regel dreht sich alles um ein bis an die Zähne bewaffnetes Raumschiff, welches hunderte, in irren Formationen auf sich zu fliegende Gegner abknallen muss. Am Ende geht es dann darum, möglichst viele Widersacher zu erwischen und den Highscore somit in schwindelerregende Höhen zu treiben. Um eine möglichst hohe Punktzahl zu erreichen, hilft in den meisten Fällen nur stures Auswendiglernen der Flugbahnen der Gegner bzw. der auf euch abgefeuerten Projektile. Ich würde euch jetzt gerne erzählen, dass der hier vorgestellte Vertreter Lords of Thunder da eine Ausnahme bildet, aber dieser grandiose Fantasy Shooter besitzt ganz andere Qualitäten, die ihn in meinen Augen deutlich aus der riesigen Menge an Konkurrenten herausragen lassen.

Zuerst ein bisschen was zur Vorgeschichte: Anfang der 90er Jahre, als sich der Krieg zwischen den Videospiele-Giganten Nintendo und Sega auf seinem Höhepunkt befand, interessierte ich mich entgegen aller Trends besonders für eine hierzulande gänzlich unbekannte 8-Bit Konsole. Die Rede ist natürlich von der von NEC und Hudson Soft entwickelten Spiele-Maschine PC Engine (oder Turbo Grafx16, wie das gute Stück in den USA hiess). Wenn ihr mehr über dieses damalige “Wunderwerk der Technik” erfahren wollt, dann geht einfach in unsere Hardware Rubrik. Aber zurück zum Thema: Da das Internet zu dieser Zeit noch in weiter Ferne lag, war der geneigte Zocker damals vor allem auf Fachzeitschriften, wie die Power Play oder die Videogames angewiesen. Denn nur hier erfuhr man alles Wissenswerte über neu angekündigte Games und Gerüchte in der Zocker-Szene. Exakt in einer der oben genannten Zeitschriften stiess ich eines Tages auf einen exotisch anmutenden Shooter namens Lords of Thunder, der mich einige Jahre später tatsächlich dazu veranlasste, mir eine japanische PC Engine, samt diesem Spiel zu importieren und soviel sei vorweg genommen, ich habe es bis heute nicht bereut.

Die größte Besonderheit bei Lords of Thunder ist wohl das an mittelalterliche Fantasy Epen, wie Herr der Ringe erinnernde Setting. Da würden die meisten Spieler wohl eher an ein Rollenspiel denken aber weit gefehlt. In diesem Horizontal-Shooter geht es auch nicht darum (wie noch beim ebenfalls exzellenten Vorgänger Gate of Thunder) mit einem stark bewaffneten Raumjäger das Weltall unsicher zu machen, sondern ihr schlüpft vielmehr in die Rolle eines mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestatteten Ritters namens Landis. Dieser macht sich auf, seinen irgendwie an einen Riesenroboter erinnernden Widersacher Zaggart (Transformers lässt grüssen), eins auf die Mütze zu geben. Aber ich denke, auf die völlig belanglose Hintergrund-story sollten wir hier nicht weiter eingehen. Das nette Anime Intro zeigt auf jeden Fall deutlich, das mit diesem Burschen nicht gut Kirschen essen ist und man schon sein ganzes Geschickt benötigt, um ihn am Ende der insgesamt acht beinharten Levels zu besiegen.

Da kommen wir auch direkt zur nächsten Besonderheit von Lords of Thunder – dem abartigen Schwierigkeitsgrad. Stattet ihr euren tapferen Ritter nicht mit allerlei kostenintensiven Upgrades wie Schilden oder Smart-Bombs aus, hat der Otto-Normal-Spieler so gut wie keine Chance, die ersten paar Minuten eines Levels zu überleben. Diese nützlichen Extras bekommt man jeweils am Anfang und Ende eines Levels, in den entsprechenden Shops. Zudem ist es auch extrem wichtig, mit welcher Waffengattung man sich ausrüstet.

Die zur Auswahl stehenden Ballermänner orientieren sich hierbei an den vier Elementen Earth, Wind, Fire und Water (ich spare mir an dieser Stelle den Witz über die groovige Band namens… na ihr wisst schon), die sich wiederum stark in ihrer Durchschlagskraft und Effektivität unterscheiden. Welche Waffengattung für welches der frei anwählbaren Levels nun am besten geeignet ist, ist wiederum eine Kunst für sich und bedarf einiger Experimentier-Freudigkeit.

Aber nun genug des Vorgeplänkels. Zieht ihr nun endlich mit eurem wackeren Gott-Krieger in den Kampf, steht euch ein wahres Feuerwerk an gegnerischen Heerscharen und teilweise bildschirmfüllenden Zwischen- bzw. Endgegnern bevor. Man muss sich hier immer wieder vor Augen führen, daß es sich bei der PC Engine eigentlich um eine 8-Bit Konsole handelt. Da dieses Spiel allerdings für das optional erhältliche CD-Laufwerk erschien, konnte in Sachen Speicherplatz aus dem Vollen werden. Nur durch die Nutzung dieses damals noch recht neuen Mediums war es überhaupt möglich, solche atemberaubenden Gegnerhorden ansprechend zu animieren und gleichzeitig auf dem Bildschirm darzustellen. Gelegentliche Ruckel- und Flacker-Einlagen blieben da naturgemäss nicht aus, diese beeinflussen den Spielverlauf aber glücklicherweise in keins der Weise. Ob nun riesige Drachen oder Monster-Insekten, die Gegner sehen wirklich beeindruckend aus und machen euch das (Spieler-)Leben extrem schwer. Da kommt es neben der oben genannten Waffen-Konfiguration vor allem auf Geschick und Schnelligkeit an. Ihr solltet euch aber trotzdem eine gehörige Portion Frust-Resistenz aneignen, um das Joypad nicht schon zu Beginn des Spiels wutentbrannt an die Wand zu donnern. Ihr würdet wirklich eine Menge verpassen.

Hat man sich mit dem harschen Schwierigkeitsgrad denn erst mal angefreundet, erwartet den Spieler ein wirklich abwechslungsreicher Shooter der Extra-Klasse. Ob in der Eis-Welt oder dem Vulkan-Level, hier wird alles aufgeboten, was zu dieser Zeit grafisch möglich war. Vergleichbare Shooter wie Axelay (SNES) oder Thunder Force (Mega Drive) sahen auf den wesentlich leistungsfähigeren 16-Bit Pendants keinen Deut besser aus. Hier ist Hudson Soft bzw. Red wirklich ein Meisterstück gelungen. Als meisterlich muss aber vor allem der treibende Hard Rock / Heavy Metal Soundtrack bezeichnet werden. Selten habe ich bei einem Videospiel eine motivieren-dere Musik-Untermalung erlebt. Die insgesamt 19 Musikstücke sind wirklich exzellent komponiert und gehen auch nach all den Jahren noch sehr gut ins Ohr. Eine perfekte Gelegenheit, seine Stereo-Anlage kräftig aufzudrehen, auf Pause zu drücken und eine Runde Luftgitarre zu spielen. Dieses Game rockt wirklich auf der ganzen Linie.

Fazit: Was soll ich noch über Lords of Thunder sagen? Obwohl ich mich mit Superlativen wirklich zurückhalten wollte, kann ich meine Begeisterung für diesen Titel wohl kaum verbergen. Die Mischung aus technischen Höchstleistungen, die die kleine 8-Bit Hardware wirklich bis an die Grenzen ausreizt, und ein nahezu perfektes Level-Design, spricht einfach für sich. Auch auf der mit Shootern wirklich reichlich bedachten PC Engine gibt es nur wenige Genre-Kollegen, die diesem Spiel das Wasser reichen können. Ein echtes Muss für Liebhaber der japanischen Kult-Konsole. Nur der extrem hohe Schwierigkeitsgrad bringt mich immer wieder ins Schwitzen, aber davon sollte man sich wirklich nicht abschrecken lassen. In den USA erschien übrigens eine 1-zu-1-Umsetzung für das gefloppte Mega CD (CD Add-On für das Mega Drive). Der einzige Unterschied besteht aber lediglich darin, daß das Intro hier noch ein paar Fetzen Sprachausgabe abbekommen hat. Von mir gibts erwartungsgemäß eine klare Kauf-Empfehlung – Fünf von fünf Luftgitarren!

 

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