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Interview mit Retroplace-Betreiber Christian Corre

Wie könnte man wohl besser in ein neues Jahr starten, als mit einem Interview? Ausgequetscht habe ich diesmal Christian Corre, seines Zeichens leidenschaftlicher Sammler klassischer Videospiele und ehemaliger Eigentümer von “Nippondreams”, einem charmanten Spielefachgeschäft in München. Aktuell dürfte er aber am ehesten als Betreiber des erfolgreichen Online-Portals retroplace.com bekannt sein. Ein Mann also, mit vielen Facetten. Jetzt geht´s aber ohne weitere Umschweife zu unserem Interview:

Kannst du dich noch an den Auslöser für deine anhaltende Liebe zu Computer- und Videospielen erinnern?

CC: Einen richtigen “Auslöser” gab es nicht so richtig. Ein Ereignis hat mich allerdings nachhaltig geprägt. Als ich 1990/91 immer und immer wieder die Werbung für Nintendos Game Boy im Fernsehen sah, war mir klar, dass ich unbedingt einen haben musste. An Ostern 1991 war es dann soweit und ich bekam tatsächlich einen Game Boy als Tetris-Bundle und dazu noch Super Mario Land geschenkt. Von da an hatte ich eigentlich immer irgendeine Videospielkonsole daheim rumstehen. Und als ich dann eigenes Geld verdiente, wuchs die Sammlung auch recht schnell.

Du bist ja in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Hattest du damals schon Zugriff auf Heimcomputer oder Konsolen?

CC: Ja klar! Mein Vater arbeitete damals an der technischen Hochschule in Karl-Marx-Stadt, das jetzt wieder Chemnitz heisst. Er brachte hin und wieder einen KC 85 des VEB Mikroelektronik mit. Da lernte ich dann Spiele wie Floor (ein Lode-Runner-Clone) und Mazzogs (das es auch für den Sinclair ZX81 gab) kennen. Ausserdem hatte der Bruder meines besten Freundes einen Commodore 64 und darauf wurde dann natürlich ausgiebig gespielt.

Wolltest du dein Geld schon immer im weitesten Sinne mit Videospielen verdienen oder hattest du tatsächlich mal einen „seriösen“ Beruf? 😉

CC: Haha, ja. Ich bin eigentlich gelernter Hotelkaufmann und habe auch 8 Jahre in der Gastronomie gearbeitet, bevor ich mich mit dem Onlineshop und etwas später dem dazugehörigen Laden names Nippondreams selbstständig gemacht hatte.

Ich habe dich damals als Inhaber deines Geschäfts in München kennengelernt. Wie kamst du genau dazu?

CC: Als ich noch Angestellter war, habe ich immer wieder mal größere Sammlungen gekauft, bin hin und wieder nach Japan geflogen und habe Videospiele zum Weiterverkauf eingekauft. Das war damals (2000 bis 2004) noch recht lukrativ. Und so entstand der Gedanke, das Ganze auf professionelle Füße zu stellen. Nachdem ich dann Ende 2003 auf die Arbeit in der Gastronomie keine große Lust mehr hatte, ging ich das Abenteuer ein.

Da ich mich selbst oft und gerne in Läden wie Nippondreams aufgehalten habe, weiß ich, dass man hier auch jede Menge schrullige Leute antreffen konnte. Kannst du dich in diesem Zusammenhang noch an besonders lustige oder kuriose Ereignisse erinnern?

CC: Natürlich erlebt man so einiges, wenn man 13 Jahre einen Laden und 15 Jahre einen Onlineshop betreibt. Auffällig ist, dass der Umgangston immer rauer geworden ist. Was man teilweise von Kunden zu lesen bekommt, ist unglaublich. Wenn mir die Mails zu unverschämt wurden, habe ich dann gerne auch mal zum Telefonhörer gegriffen und zurückgerufen. In der Regel wurde es dann am anderen Ende recht still und kleinlaut.

Was hat dich schlussendlich dazu bewogen, dein Geschäft aufzugeben? Hast du diesen Schritt irgendwann bereut?

CC: Die Beweggründe waren vielfältig. Seit 2013 lebe ich nicht mehr direkt in München, sondern 40 km nördlich in der Nähe von Pfaffenhofen. Im Herbst 2014 kam dann mein erster Sohn auf die Welt. Da merkte ich bereits, dass ich von ihm und wie er aufwächst recht wenig mitbekam. Zu dieser Zeit ging ich morgens um 9:30 aus dem Haus und kam abends um 20:30 wieder heim. Da ich nach 12 Jahren Ladengeschäft sowieso Lust auf etwas neues, frisches hatte, lies mich das zu dem Entschluss kommen, dass ich den Laden aufgebe. Mit der FUNtainment GmbH habe ich einen starken Nachfolger gefunden, der den Laden erfolgreich weiterführt. Bereut habe ich es bis jetzt nicht. Sobald die Pandemie vorrüber ist starten auch die Retrocons wieder durch. Das sind Retrobörsen für Videospiele, die deutschlandweit organisiert werden. So habe ich endlich wieder Kontakt zu Sammlern und Videospielern im “reallife” und nicht nur Online. Leider musste die erste geplante Börse im März 2020 ausfallen…. und seitdem waren ja keine Veranstaltungen mehr möglich. Das fehlt mir schon sehr.

Vor einiger Zeit ging dein virtueller Marktplatz retroplace.com online. Was hat es mit diesem Portal auf sich und warum sollte man sich hier schnellstmöglich registrieren?

CC: Die Idee zu retroplace hatte ich bereits um 2009 herum. Allerdings hatte ich mit meinem Laden noch genug zu tun, sodass keine Zeit übrig blieb, um mich tiefer damit zu beschäftigen. Auch gelang es mir nicht einen fähigen Programmierer für dieses ehrgeizige Projekt zu finden. Das änderte sich dann 2017, als ich auf Armin, meinem Retroplace-Mitstreiter, traf. Ich skizzierte ihm meine Vision, er war begeistert und fing umgehend an zu programmieren. Retroplace ist der weltweit erste (virtuelle) Marktplatz für Videospiele. Du kannst hier deine Sammlung verwalten, kannst Wunschlisten führen, Spiele bewerten und Spiele kaufen bzw. verkaufen. Damit Spiele schnell gefunden werden haben wir eine riesige Datenbank geschaffen, die über 150 Systeme und jegliche Länderversionen abdeckt. Die Datenbank wird täglich durch die Mithilfe unserer User erweitert. Brauchst du noch mehr Argumente? 😉

Mittlerweile gibt es sogar einen Retroplace-Podcast, den du zusammen mit deinem alten Freund Wolfgang Böhme betreibst. Über was sprecht ihr in der Sendung und was ist das Konzept des Podcasts?

CC: Mit dem Podcast begannen wir vor einem halben Jahr. Ich telefonierte wie so oft mit Wolfgang und wir redeten über alte Videospiele. Da fragte ich ihn, was er denn davon halten würde, wenn wir das Ganze etwas strukturieren und dann als Podcast aufnehmen. Gesagt, getan. Mittlerweile reden wir einmal im Monat über die Videospiele, die genau in diesem Monat vor 30 Jahren in den Spielezeitschriften Power Play und der ASM besprochen wurden. Abgerundet wird das durch kurze Einsprengsel zu unseren Sammlungen und was wir uns so für neuen Spielekram gekauft haben.

Kann man heute noch Spielesammlungen zu halbwegs vernünftigen Preisen ergattern oder zieht es dich noch regelmäßig nach Japan, um an Schnäppchen zu gelangen?

CC: Ich war zum letzten Mal 2017 in Japan. Tatsächlich würde ich schon gerne wiedermal hinfliegen. Die Zeit der echten Schnäppchen ist aber ehrlichgesagt auch in Japan vorbei. Das man dort günstige Retrospiele bekommen kann, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Hin und wieder findet man aber auch in Deutschland gute Spielesammlungen. Es gibt immer wieder Leute, die ihre teilweise recht umfangreichen Sammlungen auflösen. Hier muss man allerdings schnell sein und die sozialen Medien gut im Auge behalten.

Welche Konsole würdest du Leuten empfehlen, die jetzt mit dem Sammeln von Retro Games anfangen möchten, dafür aber kein Vermögen ausgeben können oder wollen?

CC: Ich denke, man kann gut mit den 16-Bit-Geräten beginnen (wie dem SNES oder Mega Drive). Die ganzen 2D-Games sind ja super gealtert und noch immer ein Spiel zwischendurch wert. Wenn man nicht zwingend vollständige Spiele, mit Verpackung und Anleitung braucht, sondern auch mit losen Modulen leben kann, dann hält sich der Spaß auch preislich meistens noch im Rahmen. Auch Spiele für die PlayStation2 bekommt man in der Regel noch für schmales Geld (ja, die PS2 ist auch schon retro). Allerdings sind die zahlreichen 3D-Titel aus den 2000er-Jahren optisch echt schlecht gealtert. Spielerisch gibt es hier aber einige Perlen.

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